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Stellung der Pflanzenbauwissenschaften in den Wissenschaften

Der Initiator des modernen Wissenschaftsbegriffs ist Aristoteles (384-322 v. Chr.), und Kant (1724-1804) bezeichnete ihn zu Recht als Vater der Logik. Aber, so fährt Kant fort, sie könne wohl gewinnen in „Ansehen der Genauigkeit, Bestimmtheit und Deutlichkeit“. Nicht anders als bei Aristoteles liegen für Kant die formalen oder logischen Kriterien der Wahrheit in der Logik, zu deren Entwicklung er grundlegende Sätze formuliert hat (Kant 2002). In Bezug auf die Rolle der Mathematik in der Logik müssen die Arbeiten von Nikolaus Kopernikus (1473-1543) über die Erdbewegung erwähnt werden. Diese widersprachen nicht nur dem von Aristoteles geprägten Ptolemäischen Weltbild, den heiligen Schriften und dem allgemeinen Verständnis der Menschen, sondern auch den damals geläufigen Methoden der philosophischen und physikalischen Beweisführung. Er stützte sie auf die abstrakten Denkweisen der Mathematik und wurde damit zum Mitauslöser der wissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts (Henry 2002). Diese führte dazu, daß die Naturwissenschaften und Humanwissenschaften seit dem 18. Jahrhundert eigene Wege gehen (Berlin 2001). Großen Einfluss auf den Wissenschaftsbegriff gewann auch der Wiener Kreis, dessen bedeutendster Vertreter der Sprachphilosoph und Logiker Rudolf Carnap (1891-1970) war. Er verfolgte das Ziel, durch formale Sprache größere Klarheit bei der Formulierung wissenschaftlicher Probleme zu ermöglichen (Coffa 1993). Thomas Kuhn (1922-1996) hat dargestellt, dass eine Wissenschaftstheorie die Akzeptanz einer Vielzahl von Wissenschaft voraussetzt. Umwälzende neue Erkenntnisse können eine „Revolution“ entfachen und ein Umdenken einleiten (Kuhn 1996). Heute erleben wir massive Umwälzungen in den Fächerstrukturen, die sich in den Universitäten während der letzten 200 Jahre praktisch unverändert erhalten haben. Ob diese Umstrukturierung einer neuen wissenschaftlichen Revolution gleichkommt (Keinan et al. 2003), wird erst aus geschichtlicher Sicht beurteilt werden können. Es steht jedoch fest, dass die komplexen Probleme der dramatisch anwachsenden Weltbevölkerung neue Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit erfordern. Aufgrund der herausgehobenen Bedeutung für die Welternährung gilt dies insbesondere für die Pflanzenbauwissenschaften, die sich derzeit in einer Phase der Neuorientierung befinden und den Anschluß an die Grundlagenwissenschaften suchen.

In den Naturwissenschaften geht jeder Beschreibung von Zuständen oder veränderlichen Abläufen ein umfangreicher gedanklicher Prozess voraus. Es ist zu fragen: Was eignet sich als charakteristisches Merkmal ? Wie kann man Messvorschriften gewinnen ? Welche Variablen und welche Konstanten sind zu beachten ? Wie weit muss man idealisierte Bedingungen voraussetzen oder wenigstens angenähert schaffen, um zu übersichtlichen Ergebnissen zu kommen, die sich schließlich als Gesetze von allgemeiner Geltung formulieren lassen ? – In Kants Kritik der reinen Vernunft heißt es hierzu (Kant 1997): „so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, dass die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurf hervorbringt.“ Und weiter: „Und so hat sogar die Physik die vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von ihr lernen muss. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein Herumtappen war.“ – Die sogenannten Naturgesetze sind demnach wesentlich mitbestimmt durch die Art unserer Betrachtung und sind dadurch auch Folgen unseres Denkens und unserer Vorstellungen. Man bezeichnet die hier dargestellten Zusammenhänge als Modellbildung. Modelle zu ein- und demselben Gegenstand können durchaus unterschiedlichen Charakter haben, miteinander konkurrieren oder durch passendere Vorstellungen abgelöst werden. Die Formulierung von quantitativ dargestellten Ergebnissen in den Naturwissenschaften und den ihnen nahestehenden angewandten Disziplinen setzt also Modellbildung voraus. Die durchgängige Anwendung quantitativer Denkweisen in den Naturwissenschaften bietet außerdem die Möglichkeit des besseren Austausches von Erkenntnissen in der Forschung über weite disziplinäre und auch nationale Grenzen hinweg und ermöglicht zudem die Bildung neuer interdisziplinärer Felder.

Landwirte agieren in einem komplexen Geflecht von variablen natürlichen und gesellschaftlichen Faktoren. Sie befinden sich daher auf der ständigen Suche nach betrieblichen Optimierungsstrategien und orientieren sich dabei nicht nur an den Gesetzmäßigkeiten der Natur und des Marktes, sondern auch an ihrer Intuition. Sie werden damit auch selber zu Neugestaltern ihrer Umwelt. Es ist daher verwunderlich, dass die Pflanzenbauwissenschaften ihr Selbstverständnis im Wesentlichen aus den Naturwissenschaften ableiten, beeinflusst der Landwirt als Mensch doch entscheidend die Wahl von Standorten, Kulturarten, Fruchtfolgen und Anbauintensitäten. Die Pflanzenbauwissenschaften sollten daher als interdisziplinäres Forschungsfeld zwischen den Naturwissenschaften und Humanwissenschaften angesehen werden, das sich mit den Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Mensch und Pflanze auseinandersetzt. Aus forschungsmethodischer Sicht werden sie damit zu Mittlern zwischen quantitativen und qualitativen Denkweisen.

Abb. 1   Landwirtschaftliche Beratung und Entscheidungsfindung unter Praxisbedingungen. Diese Prozesse haben einen entscheidenden Einfluß auf die Bewirtschaftung und Gestaltung von Kulturlandschaften und müssen mit der Pflanzenbauforschung in engen Zusammenhang gebracht werden. Der Dialog zwischen Praxis und Wissenschaft kann durch den Einsatz der modernen Informationstechnologie wesentlich vereinfacht werden.

Wenn es um die Charakterisierung menschlicher Verhaltensweisen und gesellschaftlicher Zusammenhänge geht, müssen quantitative Methoden zwangsläufig versagen, weil unsere gedanklichen Vorstellungen und daraus abgeleitete Handlungen auch sehr stark von Emotionen beeinflusst werden (Thagard 2006). Dennoch wird gerade in jüngster Zeit immer häufiger der Versuch unternommen, menschliches Verhalten auf quantitative Weise zu charakterisieren. Die Agrarökonomie ist ein gutes Beispiel hierfür: Sie betrachtet den Landwirt in der Regel als Entrepreneur, der sein Handeln wie eine Marionette an den Marktgesetzen ausrichtet und weniger an den tatsächlich wesentlich komplexeren Gegebenheiten (van der Ploeg 2003). Viele Bereiche der Gesellschaftswissenschaften sind von diesem Symptom mehr oder weniger betroffen. Dabei können durchaus logische Zusammenhänge in den Gesellschaftswissenschaften erstellt werden, ohne dabei zwangsläufig die quantitative Modellbildung als Werkzeug bemühen zu müssen. Historische Abhandlungen, politische Konzepte, anthropologische Beobachtungen und soziologische Betrachtungen haben eine Fülle von Modellen als Inhalt, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften auf sprachliche Weise formuliert werden. Voraussetzungen hierfür sind assoziierende Herangehensweisen in der Forschung, die zur Aufdeckung allgemeiner Wirkungszusammenhänge im Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt geeignet sind. In diesem Zusammenhang stellen sich Fragen nach der Wahrnehmung, Erfahrungssammlung und Verarbeitung, Kategorisierung, gedanklichen Modellbildung, Handlung, Kommunikation, Gesellschaftsausprägung, Politik und geschichtlichen Entwicklung. Das sind Felder der Humanwissenschaften. .