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Ausgangslage und Selbstverständnis

Die Krise einer Wissenschaft kann hauptsächlich durch zwei Gründe hervorgerufen werden: Entweder sind ihre zentralen Voraussetzungen nicht mehr gegeben, weil sie irrelevant, in Verruf geraten beziehungsweise widerlegt wurden, oder neu entstandene Disziplinen haben ihre ursprünglichen Aufgaben übernommen (Berlin 1978). Angesichts der enormen Herausforderungen im Zusammenhang mit der Sicherung der Welternährung trifft ersteres auf die Pflanzenbauwissenschaften ganz gewiss nicht zu. Im Verlauf der jüngsten wissenschaftspolitischen Diskussionen ist jedoch der Eindruck entstanden, dass die zweite Ursache für das Verschwinden von Wissenschaften in bezug auf die Pflanzenbauwissenschaften bald zutreffen könnte. Sie werden immer mehr in die Lebenswissenschaften integriert.

Viele Wissenschaften lösen sich derzeit aus ihren traditionellen Rollen und bewegen sich aufgrund der immer komplexer werdenden gesellschaftlichen Anforderungen aufeinander zu. Hierzu gehört der Bereich der Lebenswissenschaften (Kenan et al. 2004), der seinen Ursprung in der Biologie hat, an die grundlagenorientierte Chemie und Physik anknüpft und die anwendungsorientierte Medizin, die Biotechnologie, die Ernährungswissenschaften und die Bioökonomie einbezieht. Da es sich um ein neu formierendes Wissenschaftsfeld handelt, gibt es in der Literatur eine Vielzahl widersprüchlicher Begriffsbestimmungen. Die enge Herkunft aus der Biologie lässt sich hierbei jedoch nicht verleugnen, denn die Bedeutung des Wortes „Bios“ lautet „Leben“ und „Logos“ heißt „Wort, Rede oder Sinn“. Aus semantischer Sicht könnten die Begriffe „Biologie“ und „Lebenswissenschaften“ daher eigentlich sogar synonym verwendet werden.

Abb. 2   Kleinbäuerliches Dorfleben in Tansania. Eines der Hauptarbeitsfelder der Pflanzenbauwissenschaften wird in den kommenden Jahrzehnten die entwicklungsorientierte Pflanzenbauforschung in ländlichen Regionen sein. Eine massive Stärkung der internationalen Forschungszusammenarbeit ist eine notwendige Voraussetzung hierfür.

Da die Bereitstellung von Nahrungsmitteln aus der Landwirtschaft für die Aufrechterhaltung menschlichen Lebens eine fundamentale Bedeutung hat, wäre eine Integration der Agrarwissenschaften in die Lebenswissenschaften eine logische Konsequenz der jüngsten Entwicklungen in den Wissenschaften und bietet für die Weiterentwicklung der Pflanzenbauwissenschaften auch viele Vorteile. In jüngster Zeit konzentrieren sich Agrarforscher diesem Trend folgend allerdings immer häufiger auf herausgehobene Fragestellungen und werden hierin auch durch die Politik der Forschungsförderung bestärkt (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2005, Europäische Union 2007). Diese Entwicklung soll hier nicht in Frage gestellt werden, denn sie führt letztendlich auch zu einem besseren Verständnis über die funktionalen Zusammenhänge in pflanzenbaulichen Systemen. Jedoch wird dabei in zunehmendem Maße weder nach der Kohärenz der entstehenden Theorien noch nach deren Umsetzung in die landwirtschaftliche Praxis gefragt. Wenn dieser Trend der Zersplitterung anhält, wird die Pflanzenbauforschung langfristig ihre praktische Relevanz verlieren. Die dadurch entstehende Lücke hätte für die Pflanzenbaupraxis fatale Folgen, denn sie ist in einem hohen Maße auf die Rolle der Pflanzenbauwissenschaften als angewandte Wissenschaft angewiesen, die sich einer großen Reihe von Grundlagendisziplinen als Hilfswissenschaften bedient, um praktische Lösungen für die Gestaltung und Bewirtschaftung von Landschaften zu erarbeiten.

Es ist daher unverständlich, dass in den letzten Jahren immer häufiger die Frage nach der Existenzberechtigung der Pflanzenbauwissenschaften gestellt wird (Langensiepen et al. 2004). Als eine Ursache hierfür kann die geringe Wertschätzung der Agrarforschung durch die Gesellschaft, gepaart mit schlichten Finanznöten in der öffentlichen Forschungsförderung angesehen werden. Andererseits haben die Pflanzenbauwissenschaften hierzu selbst beigetragen, weil sie oft in traditionellen Vorstellungen verharrt blieben und den Anschluss an das sich derzeit stark wandelnde wissenschaftliche Umfeld nur zögerlich gesucht haben (Paterman 2007). Basierend auf den vorausgegangenen Erfolgen in der technologischen Entwicklung gehen Ökonomen davon aus, dass die Pflanzenproduktion weiterhin mit dem drastisch steigendem Bedarf der Menschen nach pflanzlichen Nahrungsmitteln, Futtermitteln und Rohstoffen Schritt halten kann und sehen daher keine Notwendigkeit zur Stärkung der Förderung pflanzenbaulicher Forschungsaktivitäten (Evans 1998). Ob sich dieser auf statistischen Analysen gegründete Optimismus bewährt, kann nur im nachhinein beurteilt werden. Fest steht jedoch, dass solche Prognosen mit großen Unsicherheiten behaftet sind, weil die Rahmen- und Umweltbedingungen der Pflanzenproduktion immer stärker schwanken und sich auch verändern, natürliche Produktionsressourcen knapper werden und die Konkurrenz zwischen pflanzlicher Nahrungsmittelproduktion und Erzeugung pflanzlicher Rohstoffe für industrielle Zwecke zukünftig stärker werden wird. Aufgrund der vermutlich stark anwachsenden Nachfrage nach verschiedenen industriell verwendbaren pflanzlichen Produkten und der Diversifizierung von Ernährungsgewohnheiten wird es zu massiven Umgestaltungen in der Pflanzenproduktion kommen, die niemand vorhersehen kann. Bedauerlich in diesem Zusammenhang ist, dass in vielen Forschungseinrichtungen und Universitäten eine enge Zusammenarbeit zwischen den Pflanzenbauwissenschaften und der Agrarökonomie nur undeutlich zu erkennen ist. Wirksame wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen für die Pflanzenproduktion können aber nur auf der Grundlage eines soliden Verständnisses über die funktionalen Zusammenhänge in der Pflanzenproduktion geschaffen werden. Das von Cornelis Teunis de Wit in den 1960er Jahren formulierte Konzept der Produktionsökologie, das zur Brückenbildung zwischen Ökonomie, Pflanzenbauforschung und Ökologie gedacht war, wurde oft nur halbherzig in die Praxis umgesetzt. Ausgenommen hiervon war das aus der Mikroökonomie stammende Konzept der Produktionsfunktionen, das in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in der pflanzenbaulichen Forschung eine beherrschende Rolle bei der Optimierung von Bewirtschaftungsintensitäten gespielt hat. Durch die einseitige Fokussierung auf wirtschaftliche Interessen erfolgte hierdurch aber gleichzeitig eine Abgrenzung gegenüber der Pflanzenökologie, die den Pflanzenbauwissenschaften eher nahe steht. Eine wissenschaftsbasierte Agrarökonomie, die sich verstärkt mit den Grundlagen des Pflanzenbaus und der Pflanzenökologie auseinandersetzt, würde effektivere Beiträge zur Schaffung neuer, flexiblerer, wirtschaftlicherer und adaptiverer Produktionssysteme leisten können als dies heute der Fall ist. Die Partnerschaft zwischen der Agrarökonomie und den Pflanzenbauwissenschaften bildet das tragende Fundament der Agrarwissenschaften, auf das alle anderen Disziplinen in diesem Wissenschaftszweig aufbauen.

Abb. 3   Sturzwasserfarmen in der Negevwüste, die seit über 2000 Jahren in unveränderter Form zur “Regenernte“ für die Wasserversorgung von Kulturpflanzen dienen. Eine solche beispiellose Nachhaltigkeit fundiert auf generationenübergreifenden Beobachtungen der Natur und sorgfältigen Anpassungen der Landbewirtschaftung über lange Zeiträume. Das heutige Bevölkerungswachstum und knapper werdende Ressourcen verwehren uns diese Möglichkeit. Deshalb benötigen wir eine erneuerte, wissenschaftsbasierte Pflanzenbauforschung.

Heute verstehen sich die Pflanzenbauwissenschaften als Systemwissenschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2005), die sich der umfassenden Quantifizierung funktionaler Beziehungen auf den Betrachtungsebenen Pflanze, Bestand, Betrieb und Ökosystem unter zahlreichen variierenden äußeren Bedingungen widmet. Produktionssysteme werden dabei als offene Systeme verstanden, deren grundsätzliche Wirkungszusammenhänge zwar explizit definiert, aber dennoch gleichzeitig von äußeren autonomen Faktoren beeinflusst werden können. Dieser Sachverhalt lässt sich auf die von Ludwig von Bertalanffy gegründete Systemtheorie zurückführen. Sie basiert auf der Annahme, dass für generalisierte Systeme, Unterklassen und deren Wechselbeziehungen allgemeine Gesetzmäßigkeiten gelten (Bertalanffy 1950). Seit ihrer Formulierung hat sie mehrere evolutionäre Schritte durchlaufen und wird in vielen Bereichen der Wissenschaft und Technik angewandt (Skyttner 2001). Sicherlich bietet die Anwendung systemanalytischer Techniken im Zeitalter aufeinander zu gehender Wissenschaften viele Vorteile. Obwohl Systemtheoretiker dabei reduktionistische Betrachtungen strikt ablehnen, zwingen sie sich aber ungeachtet dessen selber zur möglichst präzisen Definition von umfassenden Systemgebieten, sowie derer innerer hierarchischer Ordnungen und mathematischer Beschreibungen (Boulding 1964). Aufgrund dieses inneren Widerspruchs und der Ablehnung naturwissenschaftlicher Detailbetrachtungen als Weg des Erkenntnisgewinns stellt sich daher die Frage, ob die Anwendung der Systemtheorie zur Charakterisierung der Wechselwirkungen zwischen Umwelt, Mensch und Pflanze wirklich geeignet ist. Die Aufgabe der Pflanzenbauwissenschaften als Mittler zwischen wissenschaftlich fokussierten und allgemeinen Betrachtungen würde durch den Zwang zur holistischen Denkweise erheblich eingeschränkt und in ihrer Annäherung an die Naturwissenschaften sogar behindert. Die schärfsten Kritiker bezeichnen die Systemtheorie sogar als autoritäre Ideologie, die denjenigen an der Spitze einer Gesellschaftshierarchie die Freiheit zum Kommandieren einräumt und den anderen den Zwang zum Gehorchen aufbürdet (Lilienfeld 1978). Naturwissenschaftliche Wechselbeziehungen basieren zudem nicht immer auf hierarchischen Ordnungen, sei es in der Organisation von Elementen oder funktionalen Abhängigkeiten. Es ist daher angebracht, die Rolle der Systemtheorie bei der Beantwortung interdisziplinärer Fragestellungen in den Pflanzenbauwissenschaften neu zu überdenken.